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Nutzenmodell für eine nationale Gesundheitsplattform

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor digitaler Plattformen liegt in dem Nutzen, den sie für die teilnehmenden Anbieter auf der einen und die Konsumentinnen und Konsumenten auf der anderen Seite erzeugen. Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE) und der Konzeptagentur Bittner & Thranberend haben wir ein Nutzenmodell für die nationale Gesundheitsplattform erarbeitet, das für alle Beteiligten Vorteile schafft.

Anbieter von Waren und Dienstleistungen erhalten über digitale Plattformen meist Zugang zu einem großen Kundenkreis, während die Kundinnen und Kunden dort eine enorme Auswahl an Angeboten und Leistungen vorfinden (vgl. Ökosystemdesign: Nutzen für alle). Folglich wäre die Aufgabe einer nationalen Gesundheitsplattform, gesundheitsrelevante Informationen und Services zwischen Anbietern und den potenziellen Nutzerinnen und Nutzern zu vermitteln.

Warum aber sollten Informations- und Softwareanbieter sich den Regeln und Qualitätsanforderungen einer Plattform unterwerfen? Aus welchem Grund sollten sich die traditionellen Akteure des Gesundheitssystems aktiv in das Ökosystem einbringen? Und weshalb sollten sich Patientinnen und Patienten überhaupt dafür entscheiden, eine Gesundheitsplattform zu nutzen?

Die Antwort ist simpel: Alle müssen etwas davon haben und einen spürbaren Mehrwert erfahren. Den Ausgangspunkt aller Überlegungen zur nationalen Gesundheitsplattform bildet die Zielsetzung, den Umgang mit Gesundheitsinformationen und einschlägigen digitalen Angeboten über ein Plattformmodell zu erleichtern und qualitätsgeprüfte Angebote zu bündeln (vgl. Entdecken statt suchen: Prototyp für eine nationale Gesundheitsplattform). Die Herausforderung der Nutzenmodellierung besteht nun darin, für möglichst viele Akteure einen möglichst großen Vorteil zu erzeugen und gleichzeitig Nachteile für Dritte zu vermeiden oder zu kompensieren.

Akteursanalyse und Nutzenmodellierung

Für das hier skizzierte Nutzenmodell wurden in mehreren Workshops konkrete Fallkonstellationen (Use Cases) aus Patientensicht formuliert und die damit assoziierten Informations- und Unterstützungsbedarfe herausgearbeitet. Anhand dieser Fallstudien wurden jene Akteursgruppen identifiziert, die neben den Nutzerinnen und Nutzern auf der Anbieterseite für den Erfolg der Plattform von Bedeutung sind. Hierzu zählen beispielsweise die Anbieter von Gesundheitsinformationen und digitalen Services. Darüber hinaus können sich auch die traditionellen Akteure des Gesundheitssystems, der Bildungssektor, Kommunen und viele weitere Player in das digitale Ökosystem einbringen und damit zu einem reichhaltigen und hochwertigen Informationsangebot beitragen.

Mit einer Akteursanalyse wurden Interessen, Bedürfnisse und auch mögliche Abwehrhaltungen der identifizierten Gruppen erfasst und eingeordnet. Im Sinne eines möglichst ausgewogenen Nutzenmodells wurden auch die Beziehungen und Interaktionen der Akteure untereinander berücksichtigt. Dafür sind Publikationen und Presseberichte ausgewertet sowie Hintergrundgespräche und Interviews mit Repräsentantinnen und Repräsentanten der betreffenden Institutionen geführt worden. Auf dem Fundament dieser Analysen und unter Einbeziehung von Experteneinschätzungen wurden für jede einzelne Gruppe mögliche Vorteile formuliert und in einem vorläufigen Nutzenkatalog zusammengeführt.

Das Nutzenmodell

Im Idealfall ist das digitale Ökosystem mit der nationalen Gesundheitsplattform geeignet, für alle Beteiligten vielfältige Nutzen zu erzeugen, die sich von Akteur zu Akteur unterscheiden können. Dennoch lassen sich übergeordnete Mehrwerte beschreiben, die allen beteiligten Akteuren zugutekommen und sich in der Dreiecksbeziehung zwischen den Anbietern, den Nutzerinnen und Nutzern sowie dem Plattformbetreiber verorten lassen.

Positionierung am Plattformmarkt

Die traditionellen Akteure des Gesundheitssystems denken und agieren nicht wie multinationale Plattformbetreiber, da sie ganz andere Rollen und Aufgaben wahrnehmen. Vermutlich wäre keiner der Akteure allein in der Lage, ein Angebot zu etablieren, das auf dem neuen Markt der Meta-Plattformen Bestand haben kann. Das digitale Ökosystem bietet nun die strategische Option, sich gemeinschaftlich über eine bestehende technische Infrastruktur am neuen Markt der Gesundheitsplattformen zu positionieren.

Zugang zu Datengrundlagen

Durch die Größe der Community und die Vielzahl von Schnittstellen mit anderen Plattformen könnte auch jenseits schutzwürdiger personenbezogener Patientendaten ein einzigartiger Datenfundus entstehen, den die teilnehmenden Akteure für unterschiedliche Zwecke nutzen könnten, etwa zur Weiterentwicklung des eigenen (Informations-)Angebots, zur Versorgungsforschung oder zur Therapiesteuerung. Hier bietet insbesondere das Zusammenspiel von Daten aus vielen unterschiedlichen Quellen die Möglichkeit, neues Wissen zu generieren und für eine bedarfsgerechte Weiterentwicklung unseres Gesundheitssystems zu nutzen.

Professionelles Informationsmanagement

Die prozesshaft angelegten Informationspfade (vgl. Entdecken statt suchen: Prototyp für eine nationale Gesundheitsplattform), das hohe Maß an Personalisierung und die direkte Anbindung an die unterschiedlichen Instanzen des Gesundheitssystems lassen eine neue Informations- und Kommunikationsarchitektur entstehen, die Struktur und Orientierung schafft. In der Folge entwickelt sich ein signifikanter Nutzen für die Angehörigen der Gesundheitsberufe, denn die Plattform eröffnet die Chance, das Informations- und Kommunikationsmanagement zu optimieren sowie die Qualität und Effizienz des Informationshandelns zu erhöhen. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, den Versorgungsprozess gezielt mit digitalen Informationen und Unterstützungsangeboten zu verknüpfen.

Alles an einem Ort

Mit der explosionsartigen Ausweitung digital verfügbarer Gesundheitsinformationen wird es aus Patientensicht immer schwieriger, die passende Information zu finden. Das Bild der Nadel im Heuhaufen beschreibt dieses Dilemma der Umwege und Irrwege von Informationssuchenden sehr gut. Die nationale Gesundheitsplattform hat mit ihrem marktoffenen und inklusiven Vermittlungsansatz (vgl. Staatliches Informationshandeln: Was darf der Staat?) das Potenzial, zum Dreh- und Angelpunkt der Informationsarchitektur im Gesundheitswesen zu werden und alle wichtigen Angebote an einem Ort zu bündeln. Dieser Ansatz folgt der Idee des „One-Stop-Shops“, der einen großen Mehrwert stiftet, indem er Nutzerinnen und Nutzer dabei unterstützt, sich im Dschungel der digitalen Informations- und Serviceangebote zurechtzufinden.

Geprüfte Anbieter

Zahlreiche Studien zeigen, dass es den Menschen in Zeiten von Desinformation und Verschwörungsmythen immer schwerer fällt, den Wahrheitsgehalt von Informationen oder die Glaubwürdigkeit von Quellen zu bewerten. Das Konzept der nationalen Gesundheitsplattform sieht für die Anbieter strenge Zugangsregeln vor, die hier wie ein Filter wirken: Anbieter müssen über eine auditbasierte Zertifizierung in regelmäßigen Abständen nachweisen, dass sie bestimmte Qualitätsanforderungen erfüllen (vgl. InfoQ: Qualität sichtbar machen). Auf diese Weise werden unseriöse Anbieter vom Ökosystem ausgeschlossen. Diese qualitätsbasierte Selektion der Anbieter ist ein zentraler Kernnutzen für Patientinnen und Patienten und schafft die Grundlage für ein unbezahlbares Gut: Vertrauen.

Reduktion auf das Wesentliche

Eine wichtige Strategie im Umgang mit der täglichen Informationsflut ist, sie zu filtern und die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche zu konzentrieren. Als „wesentlich“ können solche Informationen bezeichnet werden, die sich auf den individuellen Kontext beziehen und dem situativen Informationsbedarf entsprechen. Mithilfe algorithmischer Systeme lassen sich Inhalte und Serviceangebote auf der nationalen Gesundheitsplattform personalisiert und kontextsensitiv ausspielen. Durch die so entstehende individuell zugeschnittene Auswahl und Präsentation von Informationen und digitalen Dienstleistungen werden Patientinnen und Patienten – zeitlich wie kognitiv – signifikant entlastet.

Neben diesen eher generischen Vorteilen lassen sich mit Blick auf einzelne Akteure und Akteursgruppen viele weitere nutzenstiftende Effekte beschreiben. So übernehmen gut informierte Patientinnen und Patienten mehr Verantwortung für ihre eigene Gesundheit, sie zeigen eine höhere Therapietreue, können sich sicherer im Versorgungssystem bewegen und treffen im Alltag gesündere Entscheidungen. Die Versorgungsforschung kann von neuen Einblicken und Auswertungsmöglichkeiten profitieren. Informations- und Serviceanbieter haben die Möglichkeit, sich durch ihre Präsenz auf der Plattform mit hochwertigen Angeboten zu profilieren, können Streuverluste reduzieren und Transaktionskosten senken.

Bei der Nutzenmodellierung ist auch zu berücksichtigen, den am Ökosystem teilnehmenden Akteuren keine Nachteile entstehen zu lassen. Unser Konzept für eine nationale Gesundheitsplattform sieht daher vor, dass der Plattformbetreiber keine eigenen Informationen und Services anbietet, sondern sich strikt auf die Rolle des Vermittlers beschränkt. Die Plattform darf die Angebote der teilnehmenden Unternehmen und Organisationen nicht abwerten oder Zugriffszahlen negativ beeinflussen. In aller Regel werden Informationen und Leistungen daher nicht auf der Plattform selbst angeboten, sodass Nutzerinnen und Nutzer die externen Seiten der Anbieter besuchen (vgl. Entdecken statt suchen: Prototyp für eine nationale Gesundheitsplattform). Klare Zugangskriterien, Fairness und Transparenz sollten das Verhältnis zwischen dem Plattformbetreiber und den Anbietern bestimmen, damit in der Gesamtschau ein Netz aus Vorteilen und Mehrwerten für alle teilnehmenden Akteure entsteht.

Empfohlene Artikel

Entdecken statt suchen: Prototyp für eine nationale Gesundheitsplattform

Der Kernservice der hier skizzierten nationalen Gesundheitsplattform besteht darin, personalisierte Informationspfade bereitzustellen, die dem sich wandelnden Informationsbedarf folgen und den Umgang mit Gesundheitsinformationen erheblich erleichtern könnten. Um unsere Idee zu illustrieren, haben wir ein prototypisches Design entwickelt, das zeigt, wie die nationale Gesundheitsplattform einmal aussehen könnte. Patientinnen und Patienten nutzen immer häufiger das Internet, um sich jenseits des traditionellen Gesundheitssystems zu informieren. Dabei greifen sie bislang vor allem auf die großen Suchmaschinen zurück.

Zum Beitrag

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    Digitale Ökosysteme – Was sind die Erfolgsfaktoren?

    Transkript

    Intro

    Nur durch eine riesige Anzahl von Teilnehmenden im Ökosystem wird das Ökosystem tatsächlich so richtig attraktiv.

    Was macht digitale Ökosysteme erfolgreich?

    Die Erzeugung von Nutzen, Anreizen und Motivation ist gerade bei digitalen Ökosystemen besonders wichtig, weil die im Gegensatz zu klassischen Geschäftsmodellen auf mehrseitigen Märkten sich berufen. Und mehrseitige Märkte kennt man beispielsweise von Airbnb. Da haben wir natürlich Airbnb, das Unternehmen, aber wir haben auf der einen Seite eben diejenigen, die das anbieten, also private Übernachtungsmöglichkeiten-Anbieter und wir haben auf der anderen Seite diejenigen, die Konsumenten, die das dann nutzen, also Reisende, die dann diese Übernachtung auch nutzen.

    Aber alle nehmen freiwillig an diesem Ökosystem teil. Niemand ist gezwungen. Und deswegen muss man natürlich Anreize schaffen, damit möglichst viele an diesem Ökosystem teilnehmen. Denn nur mit einer riesigen Anzahl von Teilnehmenden wird das Ökosystem auch tatsächlich so richtig attraktiv.

    Könnten Akteure per Gesetz zur Teilnahme verpflichtet werden?

    Bestimmte Akteure zur Teilnahme am digitalen Ökosystem zu zwingen, ist auf gar keinen Fall eine gute Idee. Denn wenn man gezwungen wird zu einer Teilnahme, und das gilt genauso für andere Geschäftsmodelle auch, dann wird man immer Mittel und Wege finden, wie man nicht so richtig teilnimmt und im schlimmsten Fall damit sogar den Betrieb des digitalen Ökosystems stört.

    Alle erfolgreichen digitalen Ökosysteme haben genügend Anreize geschaffen, dass die Teilnehmenden dort freiwillig dabei sind. Und nur wenn die dort auch freiwillig dabei sind und selbst quasi eben genug davon haben, daran teilzunehmen, dann kann auch tatsächlich das Ökosystem von deren Teilnahme profitieren.

    Wie lassen sich unterschiedliche Interessen aller Beteiligten zusammenbringen?

    Die nationale Gesundheitsplattform dient vor allem Patientinnen und Patienten. Aber natürlich profitiert sie auch von der Teilnahme von anderen Gruppen. Und da ist es ganz klar, dass es immer mal wieder zu Interessenskonflikten kommt. Deswegen ist die Auflösung dieser Interessenskonflikte zwischen all diesen Teilnehmergruppen ein absolut wichtiger Bestandteil bei der ganzheitlichen Gestaltung eines digitalen Ökosystems und so auch von der nationalen Gesundheitsplattform. Nur so kann man sicherstellen, dass auch tatsächlich die Ziele für die Patientinnen und Patienten erfüllt werden, aber auch die Interessen der anderen Teilnehmergruppen gewahrt bleiben.

    Wie könnte ein ganzheitlicher Gestaltungsprozess aussehen?

    Die ganzheitliche Gestaltung von digitalen Ökosystemen bedeutet, dass man die Konsequenzen jeder einzelnen Entscheidung im Gestaltungsprozess auf alle Teilnehmergruppen untersucht. Und das immer aus drei Perspektiven. Welche Konsequenzen gibt es aus der Businessperspektive? Welche Konsequenzen gibt es aus der technischen Perspektive? Und welche Konsequenzen gibt es aus der rechtlichen Perspektive?

    Das kann aber nur gelingen, wenn wir Vertreterinnen oder Vertreter aus allen Teilnehmergruppen kontinuierlich und von Anfang an im Prozess mit dabei haben. Damit wir gut mit denen kommunizieren können, nutzen wir konkrete Szenarien, Prototypen, Beispiele. Und damit wir immer die richtige Sprache finden, um mit dieser Zielgruppe eben zu sprechen. Die Kunst besteht aber darin, diese Gestaltung des Gesamtsystems auf verschiedensten Abstraktionsebenen zu kontrollieren und aber trotzdem jederzeit ein Gesamtbild zu erzeugen, das wir mit allen Teilnehmergruppen kommunizieren können.

    Inhalt

    Experte

    Dr. Marcus Trapp ist Co-Founder von Full Flamingo, einem Eco-Tech-Start-up mit dem Ziel, die Power der Plattformökonomie für größtmöglichen Impact auf Nachhaltigkeit zu nutzen. Er war bis 2022 am Fraunhofer IESE als Abteilungsleiter tätig und hat das Thema „Digitale Ökosysteme und Plattformökonomie“ mit aufgebaut und verantwortet.

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      Ökosystemdesign: Nutzen für alle

      Dr. Matthias Naab
      Dr. Marcus Trapp

      Um sich erfolgreich auf dem Markt behaupten zu können, sollten Betreiber digitaler Plattformen die Interessen aller am Ökosystem beteiligten Akteure im Auge behalten. Nur wenn es gelingt, für alle Seiten Nutzen zu stiften und Vorteile zu erzeugen, können sich Netzwerk- und Skalierungseffekte entfalten. Das gilt auch für eine nationale Gesundheitsplattform, die keinen Gewinn zu erzielen beabsichtigt.

      Erfolgreiche Systeme zeichnen sich durch eine optimal gestaltete User Journey bzw. Customer Journey aus. Das bedeutet, dass jeder Kontakt, den Nutzerinnen und Nutzer mit dem System haben, explizit so gestaltet wird, dass deren Bedürfnisse am jeweiligen Kontaktpunkt möglichst optimal erfüllt werden. Erfolgreiche Anbieter gehen somit bei der Entwicklung eines neuen Systems oder Services in erster Linie nutzer- bzw. kundenorientiert vor.

      Bei der Betrachtung neuer, digitaler Geschäftsmodelle, die nach plattformökonomischen Prinzipien funktionieren, fällt es nicht immer leicht, „den Kunden“ im digitalen Ökosystem zu bestimmen. Digitale Ökosysteme wie etwa Airbnb, Uber oder Schüttflix bieten virtuelle Marktplätze, auf denen sogenannte „Assets“ (Übernachtungen, Transporte, Schüttgut) von Ökosystem-Betreibern vermittelt bzw. gebrokert werden. Es handelt sich hier somit in der Regel um mehrseitige Marktplätze, meistens mit zwei, selten mit drei oder noch mehr Seiten.

      Es gibt immer Ökosystem-Partner, die Produkte und Leistungen (Assets) im digitalen Ökosystem anbieten (Provider), und es gibt andere, die Assets im digitalen Ökosystem konsumieren (Consumer). So vermittelt Airbnb (Broker) Übernachtungsmöglichkeiten (Assets) von privaten Gastgeberinnen und Gastgebern (Provider) an Reisende (Consumer), und Uber (Broker) vermittelt Transporte (Assets) von privaten Fahrerinnen und Fahrern (Provider) an Fahrgäste (Consumer). Nach dem gleichen Prinzip soll auch die nationale Gesundheitsplattform digitale Informationen und Dienste von Anbietern an Patientinnen und Patienten vermitteln.

      Für Gestalter von Ökosystemen hat diese Situation der mehrseitigen Marktplätze und der Diversität der Beteiligten allerdings weitreichende Auswirkungen: Es besteht die Gefahr der reflexartigen Fokussierung auf die Consumer-Journey. Ökosystem-Gestalter sollten den Providern jedoch ebenso viel Aufmerksamkeit schenken und auch deren Bedürfnisse stets berücksichtigen. Denn durch eine große Zahl von Providern wird ein digitales Ökosystem für Consumer erst interessant – umgekehrt steigt die Attraktivität des Ökosystems für Provider mit steigender Zahl der Consumer.

      Alle Interessen im Blick

      Im Zentrum der hier vorgestellten Vision einer nationalen Gesundheitsplattform stehen die Patientinnen und Patienten, und folglich ist der patientenseitige Nutzen ebenso zentral: Über die Selektion und Bündelung von Informations- und Serviceangeboten soll die nationale Gesundheitsplattform die Gesundheitskompetenz fördern, den Umgang mit Informationen erleichtern sowie Patientinnen und Patienten dabei unterstützen, sich aktiv in das Behandlungsgeschehen einzubringen.

      Dieser Nutzen ist jedoch nur zu realisieren, wenn sich auch die Anbieter gesundheitsrelevanter Informationen und digitaler Dienstleistungen aktiv in das Ökosystem einbringen. Ökosystem-Betreiber sollten daher eine möglichst optimale und nutzenbringende Provider-Journey gestalten, um alle Partner gleichermaßen anzusprechen und Anreize für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Ökosystems zu schaffen.

      Freiwilligkeit statt Zwang

      Vorteile für alle Beteiligten sind deshalb so wichtig, weil die Teilnahme an einem Ökosystem freiwillig ist und niemand dazu gezwungen werden kann. Selbst wenn es in Einzelfällen möglich wäre, eine Teilnahme beispielsweise von staatlicher Seite zu erzwingen, zeigt die langjährige Erfahrung, dass dieser Weg in der Regel nicht zielführend ist. Die zur Teilnahme Gezwungenen finden dann oft Mittel und Wege, um Abläufe zu verzögern oder auf andere Weise zu behindern. Ziehen jedoch alle Beteiligten einen Vorteil aus ihrer Teilnahme, führt dies meistens auch zu guten Ergebnissen.

      Die Vorteile müssen sich nicht zwangsläufig monetär abbilden. Ein Zugang zu einem größeren Markt, erhöhte Sichtbarkeit des eigenen Angebots oder der Zugriff auf Daten oder Analysen können manchmal sogar mehr wert für die Beteiligten sein als kurzfristige finanzielle Gewinne. Im Optimalfall führen Vorteile für andere Beteiligte sogar zu weiteren Vorteilen für Patientinnen und Patienten. So können zum Beispiel Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen signifikant vom Zugriff auf Kontextinformationen profitieren und so ihre Leistungen noch besser auf die Bedürfnisse der Zielgruppen zuschneiden.

      Ganzheitliche Gestaltung digitaler Ökosysteme

      Neue digitale Ökosysteme bieten in der Regel keine Leistung an, die es so ähnlich nicht schon gibt oder gegeben hat. Doch sie bieten über ihren digitalen Ökosystem-Service eine Leistung an, die in vielerlei Hinsicht so viel besser ist, dass oft eine ganze Branche damit grundlegend verändert wird. Diese Verbesserung wird meist durch die geschickte Ausnutzung digitaler Möglichkeiten erreicht, wie sie in der jeweiligen Branche zuvor nicht genutzt wurden.

      Auch vor dem Launch von Airbnb wurden schon Übernachtungsmöglichkeiten digital vermittelt, und vor dem Markteintritt von Uber wurden auch bereits Personentransporte vermittelt. Aber beide bieten ihren Teilnehmerinnen und Teilnehmern so viele Vorteile und Mehrwerte, dass sie ihren Markt signifikant prägen und verändern konnten.

      Die Kunst bei der Etablierung eines digitalen Ökosystems besteht in einer ganzheitlichen Gestaltung, die den Interessen aller Beteiligten gerecht wird. Da man meistens in etablierte Märkte der jeweiligen Geschäftsdomänen eintritt, ist genau zu überlegen, welche Vorteile sich für alle Beteiligten schaffen lassen, sodass diese hinreichend motiviert sind, am Ökosystem teilzunehmen. Bei der Gestaltung einer nationalen Gesundheitsplattform erscheint dies angesichts des teilregulierten Gesundheitsmarktes mit vielen starken und etablierten Akteuren besonders wichtig.

      Das neue Ökosystem würde Strukturen und Prozesse im Gesundheitswesen verändern. Klar ist, dass jede Veränderung nicht nur Vorteile für die Beteiligten bringt. Allein diesen Umstand nehmen manche Markbeteiligten schon als Nachteil wahr. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass die Trägerorganisation ihre Machtstellung nutzt, um von den Vorteilen der Plattform allein zu profitieren. Dies würde die Motivation aller anderen Akteure schwächen und so den Erfolg der Plattform gefährden.

      Ökosystem-Gestaltung in der Praxis

      Die Entwicklung der hier vorgestellten Vision eines digitalen Ökosystems war in einen methodischen Rahmen eingebettet, der eine ganzheitliche Gestaltung gewährleistet und die Interessen und Bedürfnisse aller Beteiligten im Auge behält. Um eine Übersicht über den Status quo zu erhalten, wurden zunächst die für das Ökosystem relevanten Akteure zusammengetragen und priorisiert. Anschließend wurden anonyme Interviews mit Repräsentantinnen und Repräsentanten dieser Akteure geführt, Veröffentlichungen und Analysen gesichtet und Experteneinschätzungen eingeholt, um die Bedürfnis- und Problemlagen der einzelnen Akteure besser kennenzulernen.

      Um sicherzustellen, dass das hier skizzierte Ökosystem genügend Nutzen für mögliche Beteiligte erzeugt, um diese zu einer aktiven Teilnahme zu motivieren, wurde eine Motivation Matrix erstellt (Nass, Trapp, Villela 2018). Hierfür wurde zunächst untersucht, welche Vorteile jeder einzelne Akteur von der Einführung der nationalen Gesundheitsplattform hätte, was er beitragen bzw. welche Rolle er im Ökosystem übernehmen könnte. Neben Vorteilen und Anreizen wurden auch mögliche Nachteile diskutiert, die einzelne Akteure durch das Ökosystem mit seiner Plattform erfahren oder zumindest befürchten könnten.

      Wie erwähnt, geht es bei der Nutzenanalyse nicht nur um monetäre Vorteile, denn Nutzen kann vielfältig ausgeprägt sein. Mithilfe der Motivation Matrix ließ sich im Verlauf der Konzeptentwicklung überprüfen, inwiefern die antizipierten Erwartungen der Akteure bezüglich einer Teilnahme am Ökosystem erfüllt werden können. Wurden Erwartungen wichtiger Akteure nicht erfüllt, wurde das Ökosystem in einem iterativen Prozess entsprechend umgestaltet. Im Ergebnis ist ein Nutzenmodell für die hier entworfene nationale Gesundheitsplattform entstanden, das vor allem eins deutlich macht: Auch in dem von Instanzenvielfalt, Diversität und Partikularinteressen geprägten Gesundheitssystem lässt sich eine Vision schaffen, die für alle Beteiligten einen Mehrwert stiftet, spürbar Nutzen erzeugt und Wohlfahrtseffekte freisetzt.

      Tangible Ecosystem Design (TED) Methode

      Digitale Ökosysteme sind ungleich komplexer als Softwaresysteme, die unter der alleinigen Kontrolle eines einzelnen Unternehmens stehen. Die technologischen (Technology), geschäftlichen (Business) und rechtlichen (Legal) Auswirkungen sind erheblich schwerer zu verstehen, wenn Produkte und Dienstleistungen unternehmens- und branchenübergreifend gestaltet werden sollen.

      Eine große Anzahl und verschiedenste Rollentypen führen zu unübersichtlichen Beziehungen, und die Auswirkungen selbst kleinster Veränderungen auf das gesamte Ökosystem sind schwierig einzuschätzen. Das macht es gerade in der Gestaltungsphase sehr herausfordernd, den Überblick (das „Big Picture“) über das Ökosystem zu erlangen. Das Big Picture ist jedoch das wichtigste Kommunikationsmittel, um mit möglichen Beteiligten über unterschiedlichste Aspekte (Business, Technology, Legal) sprechen zu können und schnell zu einem gemeinsamen Verständnis zu kommen.

      Die Methode „Tangible Ecosystem Design“ nimmt sich genau dieser Herausforderungen an. Die Methode fördert die Zusammenarbeit bei der Definition, Gestaltung und Analyse eines digitalen Ökosystems – und das mithilfe von Playmobil®-Spielzeug, wodurch die Konzeption für die Teilnehmenden konkretisiert wird. Diese können in Workshops mit Playmobil und geeigneten Templates ein digitales Ökosystem modellieren und es damit im wahrsten Sinne des Wortes „greifbar“ machen.

      Literatur

      Nass, C, Trapp, M, Villela, K (2018). Tangible design for software ecosystem with Playmobil®. NordiCHI ’18: Proceedings of the 10th Nordic Conference on Human-Computer Interaction. September 2018. 856–861.

      Koch, M, Krohmer, D, Naab, M, Rost, D, Trapp, M (2022). A matter of definition: Criteria for digital ecosystems. Digital Business 2, 100027.

      Autoren

      Dr. Matthias Naab und Dr. Marcus Trapp sind Co-Founder von Full Flamingo, einem Eco-Tech-Start-up mit dem Ziel, die Power der Plattformökonomie für größtmöglichen Impact auf Nachhaltigkeit zu nutzen. Sie waren bis 2022 am Fraunhofer IESE als Führungskräfte tätig und haben das Thema „Digitale Ökosysteme und Plattformökonomie“ mit aufgebaut und verantwortet.

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